Back to search
Lemusa (#zotero2-6112355.NSXYR7RH)

Kirschblütenschwindel in Tokio 07
(2008)


Herzog, Samuel (Creator)



Während der Stoßzeiten ist das Bahnnetz von Tokio so überlastet, dass die Reisenden von Angestellten mit weißen Handschuhen richtiggehend in die Waggons hineingestopft werden müssen.
Menschen aus dem Westen neigen in solchen Situationen dazu, durch eine Art Selbstaufblähung den eigenen Raum zu behaupten. Japanerinnen und Japaner hingegen haben die Tendenz, unter Druck zu schrumpfen – so sehr, dass das Gesamtvolumen der Menschen in diesem Land trotz steigender Bevölkerungszahl ständig ein wenig schwindet. Das behauptet jedenfalls Hiroki Ume, der an der Universität von Port-Salume Japanologie lehrt. Er richtet sich damit gegen die ebenfalls weit verbreitete Behauptung, die Schrumpfung des japanischen Gesamt-Menschen-Volumens habe mit der Überalterung der Bevölkerung und der damit zusammenhängenden Reduktion der humanstofflichen Masse zu tun.
Die Bahn allerdings, mit der sich Hektor Maille nach Süden fahren ließ, war das pure Gegenteil von überfüllt. Ja ein Spaziergang durch die Waggons machte ihm klar, dass der ganze Zug weitgehend menschenleer war. Nicht einmal ein Schaffner war zu finden. Das passte. Denn seit sich Marie und seine Köchin ganz offensichtlich mehr mit sich selbst als mit ihm beschäftigten, fühlte sich Hektor Maille auch auf seiner Mission zunehmend einsam. Dabei fehlte es gar nicht nur an Partnerinnen oder Freunden, sondern auch an Gegenspielerinnen, an intriganten Feinden und falschen Kameraden.
Zunächst hatte Hektor Maille gedacht, die wollten sich einfach nicht zeigen. Unterdessen aber war er ziemlich sicher, dass die wahre Agentengeschichte mit ihren Schießereien, Prügeleien und Verheißungen schlicht in einer anderen Realität stattfand – in einer Wirklichkeit, aus der er selbst, ohne es wirklich zu merken, herausgefallen war. Er fühlte sich, als hinge er über der eigentlichen Story in der Luft – so wie der Fisch in einem Tanka von Kuzuhara Taeko über der Oberfläche des Wassers schwebt, in das er nie wieder zurückkehren wird:
Suichū yori
ippiki no uo
haneidete
tachimachi mizu no
omote awasariki
Aus Wassertiefen
schoss ein einzelner Fisch
in die Höhe
und alsbald schloss sich
nahtlos die Wasserfläche*
Vielleicht fragt sich der Fisch nach einiger Zeit des Hängens, ob er denn überhaupt je in dem Wasser drin gewesen ist. Im besten Fall wüchsen ihm Flügel und er flöge davon – als Beweis für die Wahrheit der Zeilen von Itō Kazuhiko:
Otōto yo
wasururu nakare
amagakeru
toritach omoki
naizō motsu o
Mein junger Bruder
niemals solltest du vergessen:
auch die leicht
am Himmel schwebenden Vögel
haben schwere innere Organe*
* Sasaki Yukitsuna: Gäbe es keine Kirschblüten… Übersetzung Eduard Klopfenstein. Stuttgart: Reclam Verlag, 2009. S. 151 und S. 187.

place: Zürich




Extra
SeriesTitle:  Mission Kaki
DateModified:  2026-03-27T12:46:32Z
Rights:  CC BY 4.0
DateAdded:  2026-02-19T14:05:08Z
Key:  NSXYR7RH
CallNumber:  MK10_07
Volume:  Episode 10
NumberOfVolumes:  20