Lemusa (#zotero2-6112355.9WAQZBAZ)
Kirschblütenschwindel in Tokio 16 mit Gedicht
(2008)
Maille schlief unruhig in dieser Nacht – wie immer, wenn er am Morgen früh aufstehen musste. Es gehörte zu den Privilegien seiner Tätigkeit, dass es keine festen Arbeitszeiten gab und folglich auch keinen Grund, sich am Morgen vor der Zeit aus den Federn zu quälen. Er nannte das den Mineralwasserschlaf und unterschied ihn vom Pumpwasserschlaf. Während Mineralwasser nach der benötigten Ruhe im Felsen von alleine wieder an die Oberfläche kommt, wird Pumpwasser mit Gewalt aus seinem Schlummer im Innern der Erde gerissen.
Wenn Maille allerdings dann doch ausnahmsweise zu einem bestimmten Zeitpunkt aufstehen musste, dann verdarb ihm das regelmäßig die ganze Nacht.
In seinen Träumen hetzte er durch eine verschneite Berglandschaft – offenbar war er hinter jemandem her. Er befand sich am Mont Déboulé auf Lemusa, so viel war sicher, obwohl seine Heimat ja so nahe am Äquator lag, dass es da selbst in der kühlsten Jahreszeit auf der mehr als dreitausend Meter hohen Spitze dieses höchsten Berges der Insel noch viel zu warm war für Schnee.
Dann war er in einem typisch Schweizer Chalet. Von den Fichtenholzmöbeln über die Fahnen bis zu den Kalendern an der Wand war alles, wie es an einem solchen Ort sein sollte – und doch: So sehr man hier eindeutig in der Schweiz war, so sehr erschien die Schweiz hier eher wie eine Fiktion, eine jener sagenhaften Inseln, wie sie Seefahrer noch bis ins 19. Jahrhundert hinein immer wieder erfunden haben, um so ihren Auftraggebern das Geld für neue Expeditionen aus der Tasche zu ziehen.
Und dann war er plötzlich am Fujisan und folgte mit keuchendem Atem schon wieder Spuren im Schnee, währenddessen der graue Himmel über ihm alles und nichts versprach:
Kaze ni nabiku
Fji no keburi no
sora ni kiete
yukue mo shiranu
waga omoi kana
Vom Wind getrieben
zerfließt am Himmel der Rauch
des Berges Fuji
– so auch wer weiß wohin
meine innersten Wünsche*
Was sich der alte Mönch Saigiō 1186 gewünscht hatte, war das eine. Was aber waren denn seine eigenen innersten Wünsche? Die Frage war so anstrengend, dass Maille noch vor seinem Weckruf die Augen aufschlug.
* Sasaki Yukitsuna: Gäbe es keine Kirschblüten… Übersetzung Eduard Klopfenstein. Stuttgart: Reclam Verlag, 2009. S. 75.
Extra
|
Key:
|
9WAQZBAZ
|
|
DateAdded:
|
2026-02-19T14:25:51Z
|
|
NumberOfVolumes:
|
20
|
|
SeriesTitle:
|
Mission Kaki
|
|
Volume:
|
Episode 10
|
|
Rights:
|
CC BY 4.0
|
|
DateModified:
|
2026-03-21T11:10:05Z
|
|
CallNumber:
|
MK10_16T
|